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Ein Besuch beim Verein Integra

Alkoholsucht : Nach dem Entzug: Ein Besuch beim Verein Integra

Witten, 14.04.2010, Florian Riesewieck

 

 

Witten. Immer häufiger werden Menschen in Deutschland wegen Alkoholkonsums ins Krankenhaus eingeliefert. Die Zahl der vollstationären Behandlungen hat sich zwischen 2000 und 2008 auf 109 283 mehr als verdoppelt. Diese Behandlungen – Entzugskuren eingerechnet – verursachten im letzten Jahr direkte Kosten von drei Milliarden Euro. Und, so glaubt Jürgen Zerbin, Wittener Leiter des Vereins Integra: „Entscheidend ist, was nach einer solchen Kur kommt.“

Mittwoch, kurz nach halb zehn im Untergeschoss des Integra-Gebäudes an der Breite Straße. Neun Männer treffen sich zum Frühstück. Der Älteste, Werner*, könnte der Opa des Jüngsten, Frank*, sein. Zwei Dinge verbinden aber alle: eine Alkohol- oder Drogenkarriere und meist mehrere Kuren: Das hier ist, was danach kommt.

Rainer*, der Lauteste, macht Witze über Mett und Kaffee. Erst als die meisten beim zweiten Brötchen sind, eröffnet Frank das Gespräch. „Ich wollte mich noch kurz vorstellen“, sagt er. „Ich bin 26 und Polytoxikoman: Ich hab’ alles genommen, was ich gekriegt hab’.“ Drei Monate nach seiner dritten Therapie wird er rückfällig. Als die Freundin Schluss macht, gibt er „noch mal richtig Gas“. Und als er am nächsten Morgen aufwacht, das Speed und Gras auf dem Tisch und das Bier im Kühlschrank sieht, spült er alles die Toilette herunter.

Ein „Freund“ reicht ihm ein Glas Wodka

Was ihn von den meisten anderen in der Runde unterscheidet: In den zwei Jahren seit diesem Tag ist er sauber. Gemeinsam mit Joachim J. (39) sitzt er am Tisch, weil er denen helfen will, die das bislang nicht geschafft haben. Rainer, der Lauteste, erzählt von seinen Rückfällen. Wie ihm ein vermeintlicher Freund beim Skatspielen ein Glas Wodka bestellte. Und von seinen beiden bisherigen Therapien. Wieso die Ärzte so viel Privates wissen wollten, das gehe sie einfach nichts an.

Und plötzlich werden aus Patienten Therapeuten. „Wieso gehst du auch in die Kneipe?“, fragt einer. Und Werner, der Älteste, meint: „Du kannst nicht sagen: Lieber Therapeut, dusch’ mich. Aber mach’ mich bitte schön nicht nass.“

Andere sagen nichts. So wie Gerd*, Ende 30, der höchstens zaghaft nach Kaffee fragt. „Aber er ist ein Vorzeigekandidat“, verrät Integra-Leiter Jürgen Zerbin. Vor einem Jahr sei seine Frau am Alkohol gestorben. Seitdem sei er trocken.

Autounfall mit 1,9 Promille im Blut

Es sind meist Schockerlebnisse, die einen Wendepunkt einläuten: Die Trennung bei Frank. Der Tod der Frau bei Gerd. Oder ein schwerer Autounfall mit 1,9 Promille, wie ihn Joachim Jeziorski, der heute ehrenamtlich als Therapiehelfer arbeitet, mit 25 erlebt hat.

„Für mich war danach klar: Ich muss abstinent vom Alkohol sein“, sagt er. Das ist ihm bis heute gelungen. Dafür beginnt er zu kiffen, nimmt Kokain und Heroin, baut sich mit seinem Drogenkonsum zugleich ein Lügenkonstrukt vor Familie und Arbeitgeber auf. Das bricht erst zusammen, als er 2007 – vollgepumpt mit Kokain – seinen zweiten Unfall hat. Sein Wendepunkt. Mindestens ebenso sehr wie die Therapie hilft ihm anschließend seine neue Freundin. Beide planen jetzt, in die soziale Arbeit zu gehen.

Derweil steht Rainer vor der dritten Therapie. In die Klinik, in der er schon zweimal war, wolle er. Da kenne er ja alles, sagt er. Erfolg ungewiss. Joachim Jeziorski ist sich sicher: „Die Therapie gibt einem nur Werkzeug an die Hand.“ Die Pflicht kommt nach der Kur.

Mehr Informationen zum Angebot des Vereins Integra lesen Sie am Donnerstag in Ihrer WAZ und WR.