Suchtprävention

Tag der Drogentoten

Rede zum Tag der Drogentoten
von
Joachim Jeziorski
 
21.07.2009 in Hagen

Verehrte Anwesende, liebe Zuhörer, ich bitte Sie, mir einen Moment Ihre
Aufmerksamkeit zu schenken und mir damit zu helfen meine erste öffentliche Rede
zu halten.

Dementsprechend fremd ist das Gefühl das in mir gerade vorherrscht.

  Mir ist es jedoch sehr wichtig hier zu stehen und zu Ihnen zu sprechen. Der
unerwartete Tod eines erst kürzlich verstorbenen Bekannten veranlasste mich, mir
über die Tatsache klar zu werden , das ich ,trotz Distanz und Verabschiedung zur
Drogenszene nicht einfach alles hinter mir lassen kann.
Ich rede von Menschen wie den Angehörigen der Verstorbenen.

(Nicht meine Gefühle, weder die Sucht, die Angehörigen und auch nicht die
Verstorben)
Dieser Tag ist für mich Anlass diesen Menschen zu gedenken.

Er spornt mich an, mit meiner Arbeit den Kampf gegen Sucht und Abhängigkeit
fortzuführen. Sei es im Rahmen der Präventionsarbeit mit Jugendlichen oder in der
Selbsthilfegruppe Kein Konsum, der ich nun fast 2 Jahre angehöre.
Nach meiner langen politoxikomanen Abhängigkeit, in der ich fast 20 Jahre gefangen
war, drängte sich mir der Entschluss auf, mein Leben radikal zu ändern.

Ich wollte nicht sterben.

  Weder an einer Überdosis, noch an den Folgen meines exzessiven Drogenkonsums.

Das wollte ich meiner Familie, die immer hinter mir stand, nicht auch noch antun.

  Der anfängliche Konsum, der nur sporadisch stattfand wurde schnell in einem
speziellen Umfeld durchgeführt. Das normale Umfeld meiner Freunde und Bekannten
konfrontierte mich zunehmend damit. Sie hätten mir besser sofort die Freundschaft
kündigen sollen.

Dadurch erlernte ich meine Ausflüge in den Heroinkonsum zu überspielen.

Ich dachte ja immer ich könnte aussteigen.

Als immer mehr Konflikte auftraten wechselte ich einfach mein Umfeld. Bei den
Konsumenten fühlte ich mich geborgen und verstanden.

Da ich das finanzielle Potential hatte wurde der Konsum zum Thema Nr. 1. Heroin
war für mich in absoluter Griffnähe.

Ich bemerkte das Süchtig werden nicht. Setzte mich damit zwar auseinander war
jedoch immer noch der Meinung aufhören zu können.

Eine veränderte schöne neue Ära begann. Ich redete alles schön und verteidigte sie.
Ich begann meine Sozialstruktur mit meiner Heroinstruktur zu kombinieren was
zunehmend schwerer wurde. Normale Werte bog ich , um mir das beschaffen und
konsumieren zu ermöglichen.
Gedanken des beenden schob ich auf die lange Bank unter der Option einen guten Zeitpunkt zu wählen. Ich musste ja funktionieren und arbeiten. Ich beruhigte mein
Gewissen damit ein funktionieren Teil der Gesellschaft zu sein.

Der Mischkonsum mit Crack der anfänglich erst sporadisch, mit zunehmenden
Problemen jedoch wuchs beeinflusste meine Handlungsfähigkeit bis zur Unfähigkeit.

Ich wurde überall auffällig. So, das es mir sogar unter massivem Konsum bewusst
wurde.
Ab jetzt gab es nur noch die Flucht in den Konsum.

Ein Teufelskreis dem nur zu entkommen war wenn ich mich zum letzten bekennen
würde. Diese Hilflosigkeit gesteht man sich besonders in seinem Userumfeld nicht
ein.
Überhaupt habe ich die Erfahrung gemacht, das eine klare realitätsnahe Position zur eigenen Situation selten ist.

Ein Verkehrsunfall unter Drogen läutete die Zeit des Erwachens endgültig ein. Ich machte eine Entgiftung und entschloss mich zu einer Entwöhnungsbehandlung im Therapiezentrum Vorhalle.

 Um diesen Entschluss auch wirklich verinnerlichen zu können brauchte ich 3 Monate
in der Therapie.
Dann war ich angekommen.

Die Zeit der Veränderung brach an.

Nach der Unfreiheit der Sucht folgte die Wiedereingliederung in die Gesellschaft.
Dieses verlernte oder wiedererworbene Neuland, erzeugte Ängste, Missverständnisse und ein individuelles Maß an Unsicherheit. Ich habe gelernt, um dem Ziel des drogenfreien Lebens schrittweise näher zu kommen, ist es wichtig die
Problematiken des täglichen Lebens zur eigenen Zufriedenheit zu lösen.

Da diese Schwierigkeiten sehr komplex sind, wie etwa Mobilität, Sozialkontakte (Clean kontakte), Arbeit, Behördengänge und vieles mehr, ist es erfahrungsgemäß gut, sich dabei mit gleichgesinnten auszutauschen.

Dadurch werden Fehler minimiert.
Hier bietet sich der Besuch einer Selbsthilfegruppe als Unterstützung an.
Und da wir in unserer Gruppe der Überzeugung sind, dass es absolut möglich ist auch ohne Entwöhnung sprich Therapie diese Hürden zu meistern, war es nötig eine Selbsthilfegruppe und nicht eine Nachsorge zu gründen.
Nachsorge setzt immer eine vorhergehende Entwöhnungsbehandlung voraus.

Eine Selbsthilfegruppe jedoch, bietet beiden Wegstreitern, Therapierten wie Entgifteten (Autodidakten) die Möglichkeit dieses Neuland gemeinsam zu erkunden.

Ich nenne es einfach:Leben zu lernen.

Jedoch nicht nur der Ernst des Lebens ist uns in der Gruppe wichtig, vielmehr auch
gemeinsam den Spaß am Leben wieder neu zu entdecken.

Über persönliche Ängste und Sorgen zu reden. Von denen lernen die es bereits geschafft haben sich wieder ins Leben zu integrieren.

Gerade in der ersten Zeit ist es besonders wichtig Clean kontakte zu haben und immer einen Ansprechpartner, wie durch unsere Telefonkette.
Gemeinsame Unternehmungen die durch Spenden finanziert werden. Dabei steht
jedes Handeln und jede Unternehmung unter dem Motto: Alles kann, nichts muss. Weiterhin drängt sich uns die Erkenntnis auf, das auch Angehörigen unserer Gruppenmitglieder einer Betreuung bedürfen.

Sucht ist eine Familienerkrankung. Nach der Therapie verändern sich die Beziehungen in der Familie.

Da Angehörige unmittelbar in Gesundung, Entwicklung positiv oder negativ
verflochten sind, brauchen auch sie die Unterstützung der Gruppe durch besondere
Aufmerksamkeit.

Aus diesem Grund ist es uns wichtig auch die Familien in gemeinsame Aktivitäten
einzubeziehen.
Das drogenfreie Leben hört nicht bei den ehemaligen Konsumenten auf.

Ich hoffe ,Ihnen einen kleinen Einblick in das Leben einesEx Users sowie unserer Arbeit in der Selbsthilfegruppe ermöglicht zu haben.
Vielen dank für Ihre Aufmerksamkeit

 




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